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03. Juli 2020

1992 war ein Schaltjahr. Den zusätzlichen Tag wussten vier Musiker aus Dublin nebst Entourage gewinnbringend zu nutzen, indem sie die spektakulärste Live-Show auf die Bühne brachten, die die Welt bis zu diesem Zeitpunkt gesehen hatte. In einer Stadt namens Lakeland mitten in Florida war das, und die Tour besuchte im Anschluss mit allerlei Beinamen wie „Zooropa“, „Zoomerang“ oder „New Zooland“ bis Ende des folgenden Jahres den halben Erdball. In Deutschland machte man unter anderem in Dortmund (1992) und Köln (1993) halt, und diese Konzerte kann man ohne Übertreibung als lebensverändernd bezeichnen.

Während heutzutage kaum noch eine Bühnenshow ohne einen riesigen Bildschirm mit 8K-Auflösung auskommt, waren solche Multimedia-Elemente bei Konzerten Anfang der Neunziger noch weitgehend unbekannt. Standard waren einfache rechteckige Bühnen, vielleicht noch mit einem mehr oder weniger originellen Bild im Hintergrund, und vor diesem zupften und klimperten die Protagonisten an bzw. auf ihren Instrumenten herum, während sie von einer Unmenge an Scheinwerfern ausgeleuchtet wurden. Spätestens ab der 30. Publikumsreihe war dementsprechend von den Musikern selber nicht mehr viel zu sehen außer kleinen herumhüpfenden Strichmännchen, und so musste man sich halt mit dem zufrieden geben, was die einem da vorne zu Gehör brachten. Vielleicht waren Bootlegs damals auch deshalb so beliebt, weil es schlussendlich kaum einen Unterschied machte, ob man nun hinten im Stadion stand oder zu Hause vor der Stereoanlage, mal abgesehen vom fehlenden Eventcharakter.

Und dann kam ZOO TV. Die Auflösung der Monitore war zwar nach heutigen Maßstäben dürftig, aber dafür hatte man gleich 36 Stück davon in der Bühnenkonstruktion verbaut, von der zudem noch ein Laufsteg zu einer kleineren Bühne mitten im Zuschauerraum führte. Auf den Bildschirmen wurden aktuelle Nachrichten, eigens von Film- und Fernsehregisseuren entwickelte Videoclips sowie Live-Aufnahmen des Konzerts selber gezeigt. Allerdings lief nur selten auf allen Bildschirmen dasselbe und alles war im MTV-Stil extrem schnell geschnitten. Schlussendlich wusste man gar nicht, wohin man überhaupt gucken sollte, weil einfach viel zu viel auf einmal passierte. Und genauso sollte es wohl auch sein, nahm man damit doch die seinerzeit einsetzende Informationsflut aufs Korn, mit der das Fernsehen die Zuschauer versorgte, zum Beispiel über den Zweiten Golfkrieg ein Jahr zuvor und den Aufnahmen ferngesteuerter Raketen, denen man beim Einschlagen ins Ziel zuschauen konnte. Man kann sich heute kaum noch daran erinnern, zumal das damals ja nur der Anfang war und ein paar Jahre später durch das Internet und die ständig auf dem Handy aufploppenden "Eilmeldungen" nochmal deutlich übertroffen wurde. Es war vielleicht alles etwas langweiliger damals, aber zumindest auch deutlich ruhiger.

Ist dieser Rückblick von Belang? Eigentlich nicht, aber es mehren sich die Gerüchte, dass ZOO TV zum dreißigjährigen Jubiläum eine Neuauflage spendiert bekommt. Und wenn man sich jetzt überlegt, was damals mit den doch sehr begrenzten Möglichkeiten schon alles machbar war, dann dürfte die neue Version - sofern sie denn stattfindet - alles in den Schatten stellen, was man abseits von Pinks Akrobatikeinlagen bei ihrer letzten Tour jemals gesehen hat.
Daumen drücken, dass das klappt!

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